Im Projektraum: DATA

Julius Brauckmann, Dennis Siering

Vernissage: 13.09.2018, 19 Uhr
20:00 Einführung Lisa Bensel (Freie Kuratorin)
Ausstellung: 14.09. – 27.10.2018
Im Projektraum

Julius Brauckmann, *1986 in Krefeld, studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und an der Kunsthochschule für Medien Köln bei Johannes Wohnseifer, Mischa Kuball und Beate Gütschow. 2017 erhielt er den Preis „Junge Kunst“ der Sparkasse und des Kunstverein Siegen.
Dennis Siering, *1983 in Solingen, studierte an der HFG Offenbach bei Wolfgang Luy und Susanne Winterling und an der Kunstakademie Düsseldorf bei Hubert Kiecol.
Die Künstler Julius Brauckmann und Dennis Siering treffen im Projektraum der Galerie Gisela Clement erstmals aufeinander und finden in dem Ausstellungstitel DATA eine sinnige Verbindung ihrer Werke:
In Julius Brauckmanns Art des Umgangs mit Daten – im Sinne von Datenbänken – findet sich eine feinsinnige Reflexion des Kunstapparates, die er als Konzeptkünstler in immer wieder unterschiedlichen Medien präsentiert. Diese Reflexion ist beispielsweise hörbar in der Videoarbeit NAMEDROPPING, in der ein Papagei Namen bekannter Künstler rezitiert. In diesem nachplappern verbirgt sich ein kleiner Seitenhieb auf die Präsentation und Rezeption von Kunst, insofern sie die Wiedergabe des immer wieder gleichen praktiziert. Tatsächlich legt Brauckmann dem talentierten Vogel alle 50 Namen der laut Art Facts erfolgreichsten Künstler und somit eine offensichtliche Marktkritik in den Mund. Humorvoll-kritisch wird es auch bei anderen Werken, wie dem Video TITLES, in der Standardwerke der Kunstkritik in einem offenen Bücherregal, wie durch unsichtbare Kräfte gelenkt, immer wieder auf den Kopf gestellt werden.
Gleichzeitig funktionieren und faszinieren viele seiner Fotografien und Skulpturen auf den ersten schnellen Blick. Damit referieren sie an das Kurzweilige von Alltagsmedien, bedenkt man, dass ein einzelnes Bild in der Bilderflut des Webs bereits in 0,3 Sekunden zünden muss, bevor ein Betrachter weiterscrollt. Doch der fesselnde Humor in den Werken von Brauckmann ist es, der ein solches Konsumentenverhalten konterkarierend verhindert und einlädt, zu verweilen – wie bei der Fotoarbeit PRIME, die einen Karton des Versandgiganten und der Datenkrake Amazon zeigt, einmal als Umverpackung, einmal als Abfallprodukt. Nach 0,3 Sekunden muss jeder Betrachter schmunzeln, der bereits einmal auf den gelben Kaufen-Button geklickt hat. Sogleich beim Verweilen wird die Erinnerung an eine solche kleine, persönliche Erfahrung nämlich abgelöst von größeren, unschlüssigen Gedanken über den status quo von Distributionswegen, Arbeitsbedingungen, Datenklau, exklusiven Werbebotschaften und der Frage, welche Auswirkung ein solch individualisiertes Einkaufsverhalten langfristig auf ein gesellschaftliches Zusammenleben und ein ökologisches System haben kann.
Eine Neudefinition des Begriffs Unikat formuliert schließlich die Skulptur STAPEL, die den Künstler als Produzenten in den Mittelpunkt rückt. Brauckmann fertigte jedes Foto der 1.400 Ink-jet Prints, die auf einer Sackkarre säuberlich aufgetürmt sind, einzeln an – was sich im partizipativen Moment durch das Wegnehmen einzelner Blätter allmählich offenbart.
Gleich den Alter Egos des genialen Physikers Lewis Caroll, der seine Weltanschauung in ein greifbares Kinderbuch über Alice’s Wunderland verpackte, so versucht auch Julius Brauckmann, unmögliche Dinge noch vor dem Frühstücken zu denken und vermag es auf verblüffende Weise, vorhandene Bildlogiken zu unterwandern, wodurch er tiefsinnige Reflexionen auf ein blitzschnelles Bild humorvoll verdichtet.
Die Verdichtung ist eine geeignete Überleitung zu den Werken des Bildhauers Dennis Siering, der es sich mit der Sprache und Handhabe eines Bildhauers ebenso zu eigen macht, komplexe Zusammenhänge präzise und ästhetisch in rauen Materialien zu konzentrieren.
Ebenfalls ist das Prinzip der Verdichtung eng mit dem Ausstellungstitel DATA verknüpft. Beispielsweise sind winzig kleine SD Karten bereits in der Lage, 512 Gigabyte digitaler Daten zu archivieren. Der Rechner, der 1969 die erste Mondlandung ermöglichte, verfügte vergleichsweise über ein Speichervolumen von 74 Kilobyte. Das entspricht heute kaum mehr einem einseitigen, bilderlosen PDF. Die rasante Entwicklung des Menschen allein in diesen vergangenen 50 Jahren macht die Vorstellung nahezu unmöglich, wie sich Erde, Gesellschaft oder auch Kunstwelt in Zukunft entwickeln. Siering jedoch wagt es, sich genau das auszumalen, wobei er dystopische Bilder findet.
Die Wandskultptur VERTICAL MEMORY, die der Künstler in immer wieder anderen Mustern ähnlichen einem Code mit bewussten Leerstellen installiert und die Teil einer erweiterbaren Serie ist, referiert an Datenspeicher der Zeitgeschichte und befasst sich mit dem Zeitalter des Anthropozän. In diesem wurde der Mensch zum stärksten Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde – was sich in Umweltverschmutzung, dem Abbau fossiler Rohstoffe oder gar der Möglichkeit genetischer Manipulation bemerkbar macht.
Die in VERTICAL MEMORY verarbeiteten Aluminiumrohre ähneln so genannten Rammkernsonden, die von Geologen und Naturforschern vertikal in die Tiefe getrieben werden, um Querschnittsmaterial tiefliegender Gesteins- oder Eisschichten an die Oberfläche zu befördern. Die Bohrkerne, das nach oben beförderte Material, ist in den sondenähnlichen Skulpturen von Siering noch enthalten. Allerdings zeigen sie keine versteinerten Flusskrebse, Kalk oder Granit, sondern Sedimente einer dystopischen Zukunftsbohrung. Futuristisch treffen hier technoide Fragmente wie Kabel, Karbon oder Beton auf organische Materialien, die durch Epoxidharz wie miteinander verschmelzen.
In dieser Reminiszenz an die Speicherfunktion von Geomaterial, scheint speziell unser Zeitalter komprimiert archiviert zu sein. Angesichts der ästhetischen Form, in die der Künstler seine Zukunftsvision verpackt, bleibt zu hoffen, dass es sich bei dieser Serie um einen warnenden Fingerzeig gen Anthropozän handelt, anstelle der Prophezeiung einer post-humanen Zukunft.
Außerdem zeigt Siering in der Ausstellung DATA eine Auswahl an Aluminiumdrucken, die er in einem speziellen und aufwändigen Siebdruckverfahren fertigt. Als Vorlage dafür dienen ihm Luftaufnahmen von Wetterphänomenen wie Wirbelstürmen, die er soweit verfremdet und manipuliert, bis sie zu einer dynamischen und abstrakten Form finden. Diese lässt es dem Betrachter offen, mit welchem Material, wie beispielsweise auch Sand, Wasser, Gestein oder gar Himmelskörper, ein jeweiliger Wirbel entstanden sein könnte. Alles Natürliche auf der Welt scheint in Bewegung und einem stetigen Umbruch unterworfen, wenn man sich die Werke von Dennis Siering vergegenwärtigt.
DATA zeigt – einmal humorvoll und kritisch, einmal ernst und fiktional – wie zwei junge Künstler die Welt, in der sie arbeiten und leben, durch ihre Werke reflektieren.
Text: Lisa Bensel, September 2018

PDF Text Lisa Bensel