Mambí

Zhenia Couso Martell

Performance

Donnerstag, 02. Juni 2016
19.00 Uhr: Ess-Performance Cajita
20.30 Uhr: Piñata Elpilio Valdés

Sandmännchen meets la Calabacita

Was haben das Sandmännchen aus der DDR Trickfilmkiste, die kubanische Comicfigur eines kleinen Kürbisses – la Calabacita – und Elpidio Valdés, schnauzbärtiger Revolutionsheld zahlreicher kubanischer Zeichentrickfilme gemeinsam? Nicht viel, möchte man meinen, doch Zhenia Couso Martell kennt alle drei, weil in ihrem Geburtsland Kuba die TV Produktionen auch anderer sozialistischer Länder im Fernsehen gezeigt wurden. Den roten Faden durch das Werk der Künstlerin bilden biografische Erfahrungen – Geschichten, die ihr Leben als Flanierende zwischen den Kulturräumen bereitstellt. Diese verbinden sich mit ihrem Interesse an der kulturellen Prägung spezifischer Objekte sowie mit Fragen von Akkulturation und Historiographie.
Die Piñatas beispielsweise begleiten die Künstlerin seit frühester Kindheit. Zu ihren Geburtstagen zog sie gemeinsam mit anderen Kindern an den herabhängenden Fäden dieser Papierballons, welche die Gestalt eines kleinen Kürbisses hatten, bis „la Calabacita“ zerbarst und Süßigkeiten oder Konfetti in seinem Inneren auf die Kinder nieder regneten. Als die Künstlerin im Jahr 2009 zum Studium an die Kunsthochschule für Medien nach Köln kam, erinnerte sie sich ihrer Piñatas während der Karnevalsumzüge und dem lokalen Brauch des exzessiven Werfens von kleinstverpackten Süßigkeiten. Indem sie das Vertraute im Fremden erkannte, wuchs ihre Neugier, die Ursprünge ‚ihrer‘ Piñata zu ergründen.
Deren Wurzeln, so sagt man, reichen bis nach China, wo man mit ihr die Ankunft des neuen Jahrs feierte. Im Gepäck europäischer Kolonisatoren reiste sie bis nach Mittel- und Südamerika. An lokales Brauchtum anknüpfend, transportierten die christlichen Missionare mit dem spielerischen Vehikel ihre religiösen Botschaften. Bis heute findet man sie auf Geburtstagen oder jahreszeitlichen Feiern, nicht nur in Mittel- und Südamerika: über das Internet sind papierene Piñatas neuerdings auch bei uns als Partyaccessoire käuflich zu erwerben. So lässt sich die Geschichte des Objektes einigermaßen schlüssig aufrollen  – zumindest für den nach absoluten Fakten und Kohärenz durstigen Leser; normierter Adressat aller Wikipedia Einträge.
Aber die Geschichte ließe sich auch anders erzählen. Die Herkunft der Piñata ist nicht abschließend gesichert und liegt im Dunkeln der Geschichte; dort, wo das „on dit“, das „man sagt“ oraler Überlieferung mit zweifelsfrei Gewesenem verschmilzt.  Als Instrument europäischer Kolonisatoren prasselte aus ihr gleichsam die messerscharfe Propaganda der Conquistadores nieder, welche in der Folge ganze Kulturen auslöschte. Mit den Party-Piñatas aus dem Internet ragt ein Stück dieser Kolonialgeschichte zu uns hinein. Solche und viele andere Aussagen lassen sich über die Piñata zusammentragen, ohne dass diese einen perlenschnurartigen Verlauf ihrer Geschichte ergeben. Das ‚Ding‘ verhält sich vielmehr asynchron zur Zeit  – heute lediglich Partyschnickschnack, früher denkwürdig eingebunden in Ritus und Politik – taucht mal hier und mal dort in ganz unterschiedlicher Gestalt auf. Dadurch, es mag paradox erscheinen, gewinnt es letztlich an Kontur und schlüpft unter den Ordnungskategorien der Historiographie hindurch. Die Piñata ist ein Ding mit Eigensinn, nicht mehr Resultat geschichtlicher Entwicklung sondern ihr Motor, der das Handeln der Menschen antreibt.
Zhenia Couso Martells künstlerische Praxis unterstreicht das Unbeständige, gleichsam Ephemere des Objekts. Sie verleiht ihm die Form eines Kokons oder lässt es in die Haut einer kubanischen Zeichentrickfigur schlüpfen: Als Elpidio Valdés zeigte sich die Piñata den Teilnehmer einer Tagung im Kölnischen Kunstverein im Jahr 2010. In Kuba hatte die Trickfilmfigur Vorbildfunktion, deren Kampf für die Sache des Volks sich auch bei der Künstlerin einprägte. Es ist ein Stück spezifischer kultureller Prägung – gleichsam fremd für denjenigen, der durch eine andere Kulturindustrie sozialisiert wurde – die hier auf die Form der Piñata trifft, dann buchstäblich mit ihr zerplatzt, um sich in anderem Kontext neu zu konfigurieren. Mit diesen Arbeiten veranschaulicht Zhenia Couso Martell, dass die Dinge wandlungsfähig und inkonsistent in ihrer Bedeutung sind. Die kulturelle Herkunft ist dabei nur ein Faktor, von dem abhängig ist, was uns die Dinge bedeuten.

Letztlich sind diese, aber auch andere Arbeiten der Künstlerin auch ein Plädoyer dafür, dass weniger das normierte Wissen und die offizielle Geschichtsschreibung sondern vielmehr die individuelle Lebensbahn, das Idiosynkratische persönlicher Erfahrung der Klebstoff sind, der die Dinge zusammenhält. So kommt es, dass das Sandmännchen, ein kleiner Kürbis und Elpilio Valdés zu ein und derselben Geschichte gehören.

Text: Julia Höner

02.06.2016 - 02.06.2016