Stefan Vogel. Brutstätten und andere Schwärmereien

Kuratiert von Johanna Adam
Ausstellung: 20. Januar – 2. März 2017
Vernissage: Donnerstag, 19. Januar 2017, 19.00 Uhr
Performance: Donnerstag, 16. Februar 2017, 19.00 Uhr

Kunst ist, was ein Künstler tut – auf diesen Nenner hat Bruce Nauman seine Antwort auf eine seit der Moderne immer wieder virulente Frage gebracht. Atelier ist, wo ein Künstler tut – so könnte man diesen Satz auf den Ort des Kunstschaffens übertragen. Denn längst ist das Atelier kein fest umrissener Raum mehr und entspricht nur noch in Einzelfällen jenem Bild, das uns von traditionellen Arbeitsstätten vormoderner Maler und Bildhauer überliefert ist. Heute unterscheiden sich die Ateliersituationen bildender Künstler in ebenso eklatanter Weise voneinander wie es dem Pluralismus von Techniken und Medien, von künstlerischer Praxis und konzeptuellem Denken äquivalent ist. Das Atelier muss in diesem Zusammenhang nicht einmal räumlich definiert sein, sondern kann je nach künstlerischem Ansatz variabel oder ortlos sein, eine Situation oder einen Zustand meinen. Gemeinsam ist jeglichen Konzepten des Ateliers sicherlich aber eines: Sie sind produktiver Nukleus des künst-lerischen Schaffens und Entstehens – die Brutstätte eines künstlerischen Prozesses, der erst vollständig beendet ist, wenn das Werk das Atelier – oder den Zustand des Ateliers – verlässt und ausgestellt wird.

Stefan Vogel, geboren 1981 in Fürth, arbeitet in seiner Kunst mit den unterschiedlichsten Medien, Techniken und Formaten. In seiner Ausstellung Brutstätten und andere Schwärmereien spürt er dem eigenen schöpferischen Prozess nach. Wo liegen die Grenzen des steuerbaren Kreierens und wo beginnt das quasi-natürliche Wachstum eines Werks? Emanzipiert es sich, indem es auf einer Idee basiert, einem Konzept folgt oder aus einer künstlerischen Strategie resultiert bereits im Laufe des Entstehens oder aber im Moment des Ausstellens, von seinem Schöpfer? Gemeinhin gilt ein Werk als vollendet, sobald es das Atelier verlässt. Nicht selten führt Stefan Vogel jedoch seine Arbeiten, wenn sie aus Ausstellungen zurückkehren, wieder in den Arbeitsprozess zurück, überarbeitet sie oder nimmt sie als Grundlage für neue Werke. In vielen seiner Arbeiten bleiben die unter-schiedlichen Arbeitsprozesse und Gedankenwege – zumindest stellenweise – sichtbar und werden für den Betrachter nachvollziehbar. Dies gilt einerseits für die Techniken und Materialien, die die unterschiedlichen Bildebenen ausmachen, Malerei und Zeichnung sowie unterschiedlichste Alltagsmaterialien und collagierte Fotos, und andererseits für die sprachlich-poetische Ebene, die in vielen seiner Arbeiten eine Schlüsselrolle spielt. Bildliche Assoziationsketten verbinden sich mit Lautgedichten und konkreter Poesie zu komplexen Gebilden, die verschiedene Zugänge zum Werk öffnen. Gerade die großformatigen Arbeiten entziehen sich jedoch rein physisch einer umfassenden Wahrnehmung und erfordern ständigen Perspektivwechsel. Die Vertiefung in Details, in die mit Schreibmaschine verfassten Gedichtfragmente oder kleinformatige Bild- und Zeichenelemente erfordern eine extreme Nahsicht, während die notwendige Verbindung des Lautmalerischen mit der malerischen Gesamtwirkung immer wieder ein Zurücktreten erfordert. Immer wieder entzieht sich das Bild dem Betrachter, gibt Hinweise, öffnet Assoziationsräume, lockt ihn an und schickt ihn wieder fort.

Ebenso wie der künstlerische Schaffensprozess wird auch das Betrachten und Erschließen des Werks zu einem zeitlich ausgedehnten Vorgang. Die Abläufe der Werkentstehung werden auf diese Weise gleichsam in der Rezeption nochmals durchlaufen und fließen in die ästhetische und konzeptuelle Wahrnehmung ein, ja werden zum immanenten Teil der Arbeit. Das Sehen als künstlerischer Prozess spielt bereits in der Betrachtung des Ateliers – der Brutstätte – eine zentrale Rolle. Ausgehend von der Feststellung, dass das Atelier weniger Raum ist als vielmehr variabler Ort künstlerischen Denkens und Handelns, wird das Sehen und analog das generelle Wahrnehmen und Reflektieren, zum künstlerischen Akt schlechthin. In Brutstätten und andere Schwärmereien widmet sich der Künstler Stefan Vogel diesen Parametern der künstlerischen Produktion und der Rezeption, dem Atelier und der Ausstellung, auf sehr sinnliche Art und Weise. Die Werke treten dabei keineswegs in den Hintergrund einer übergeordneten Inszenierung, sondern rücken umso mehr ins Zentrum, als die Neuformung des Raumes vollständig im Zeichen der idealen Betrachtung steht.

Stefan Vogel hat von 2004 bis 2012 an der HfBK in Hamburg studiert und bei Anselm Reyle sein Diplom abgeschlossen. Im Jahr 2016 war er Stipendiat der Villa Romana in Florenz.

20.01.2017 - 02.03.2017