Tagundnachtgleiche

Slawomir Elsner
Uwe Wittwer

Eröffnung
Donnerstag, 12. April 2018, 19 Uhr
Ausstellung
13. April – 7. Juni 2018

Ausstellungsansichten (pdf)
Pressetext (pdf)
Text Frank Schmidt (pdf)
Renzension im Bonner General-Anzeiger (pdf)

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

Diese Doppelausstellung handelt von der Nacht, auch wenn der Titel zunächst etwas anderes evoziert. Schließlich meint das Äquinoktium, die Tagnachtgleiche, ja gerade jene Tage im Jahr, in denen ein zeitliches Gleichgewicht zwischen Tag und Nacht herrscht. Beziehen wir aber dieses Gleichgewicht auch auf den Umstand, dass beide Künstler zu gleichen Teilen, sich mit identischen Formaten aufeinander beziehend, zwei Räume der Galerie bespielen, wird der experimentelle und innovative Ansatz dieses Künstlerprojekts deutlich.

Mit der Nacht zwangsläufig den Schlaf zu verbinden, ist naheliegend, aber nur bedingt richtig. So begegnen uns in dieser Ausstellung zwar Betten oder genauer Schlafgelegenheiten, aber kaum Schläfer. Und so ist die Nacht, wie es in einem alten Schlager heißt, auch nicht allein zum Schlafen da – dies zeigt etwa der Tänzer in Elsners Im Beat liegt Sehnsucht. In der Nacht begegnen wir einer anderen Realität als am Tag. Die veränderten Lichtverhältnisse lassen Farben, Formen und Räume anders erscheinen und wandeln so unsere Wahrnehmung der Realität. Aufschlussreich sind diesbezüglich die von den Künstlern verwendeten Farbwerte: bei Slawomir Elsner vornehmlich das mit Nacht konnotierte Blau, während Uwe Wittwer seine Szenerien ins Negative umwandelt und dabei verfremdende Rot- und kühle Schwarz- und Weißtöne entstehen lässt.

Darstellungen der Nacht haben in der Geschichte der Kunst eine lange Tradition: waren es in der religiösen Malerei Themen wie Flucht nach Ägypten, Geburt Christi oder Jesus im Garten Gethsemane, in der Romantik die nächtlichen mondbeschienenen Landschaften und Kirchenruinen etwa eines Caspar David Friedrich, so haben die Impressionisten und in ihrer Folge die Expressionisten die Stadt mit ihren nächtlichen Flaneuren und Gestalten für sich entdeckt. Im Expressionismus dienen die nächtlichen Straßen zunehmend als Bühne für Verbrechen, Schrecken und Angstvorstellungen. Beckmanns berühmtes Gemälde Die Nacht in Düsseldorf geht weit über eine reale Schilderung hinaus. Im Dunkel der Nacht dringen Gewalt und Schrecken in die Kammer einer Familie ein. Es sind die Schrecken des Krieges, aber auch die jederzeit aus der scheinbar ruhigen Oberfläche der Zivilisation hervorbrechende Gewalt, die sich in diesem eindringlichen Bild verdichten.

Das Thema der Gewalt scheint in dieser Ausstellung lediglich in Doppelportrait von Uwe Wittwer auf. Zwei Männer mit verbundenen Augen scheinen nebeneinander in einem Bett zu liegen. Wittwer bezieht sich auf eine Fotografie aus dem Kontext des Vietnam Krieges. Die Vorstellung, die beiden Männer würden schlafen, ist demnach eine vom Künstler bewusst herbeigeführte Irreführung, welche die Prinzipien und Mechanismen der Wahrnehmung hinterfragt. Elsners formatgleiches Gegenstück Afterhour löst die beiden Figuren ebenfalls aus ihrem fotografischen und somit realen Kontext (ein Paar in der U-Bahn) und überführt sie in eine traumartige, zeitlose Ebene.

Anderen Arbeiten beider Künstler liegt eine subtile Auseinandersetzung mit Werken der Romantik zugrunde und damit einer Epoche, die sich vielfach mit der Nacht – oder genauer – mit dem Übergang vom Tag zur Nacht auseinander-gesetzt hat. Die zunehmende Dunkelheit mildert starke Kontraste und verdeckt dabei so manches bei Tage grell aufscheinendes und nur scheinbar besonderes Moment. Eine absolute Dunkelheit gibt es in der Malerei nicht. Sie benötigt das Licht, um sich zu artikulieren. In der Technik des Aquarells wird dies in besonderem Maße deutlich, da Licht und Farbe eine natürlichere und zugleich unkonkretere Verbindung als etwa bei der Ölfarbe eingehen. Elsners Arbeit aus der Serien Just Watercolors (036) liegt das Gemälde Küste bei Mondschein von Caspar David Friedrich als Inspiration zugrunde. In jeweils 29 sich von der Mitte nach oben und unten ausbreitenden Farbschichten findet bei Elsner eine Abstufung von dunkel zu hell statt. Diese Farbschichten markieren annähernd die Anzahl der Tage von Vollmond zu Vollmond. Die Mondphasen bestimmen zahlreiche Aspekte der Natur und des menschlichen Lebens. Wie Friedrich bringt auch Elsner in seiner klaren »Versuchs-anordnung« diese innige Verbindung zwischen Mensch und Natur zum Ausdruck.

Uwe Wittwer bezieht sich ebenfalls auf Friedrich. Über einer zerklüfteten Eismeerlandschaft erstreckt sich in Seestück negativ nach Friedrich ein rötlicher, von drei Gestirnen beherrschter Himmel. Damals wie heute ermöglicht die Begegnung mit einer unwirklichen Umgebung eine transzendentale Grenzerfahrung. In der Umkehrung verfremdet Wittwer Bekanntes, so auch in Mond negativ. Was zunächst rein formal spielerisch anmutet, lässt verschiedene inhaltliche Assoziationen zu. So ließe sich die Nacht als ein »Komplize« des Künstlers bezeichnen, indem sie das Verborgene, das gewöhnlich nicht Sichtbare, zum Vorschein bringt.

Gerade im diffusen Licht der Nacht sind derartige Erfahrungen möglich. Das stringente Konzept der Ausstellung ermöglich es den Künstlern, ihre Auseinandersetzung mit dem Thema präzise herauszuarbeiten. Im Gegenzug lädt es den Betrachter ein, vergleichend die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen und mit seiner Vorstellung von der Nacht abzugleichen. Was er dann sieht ist nicht immer friedlich, beruhigend oder schön. Ein Unbehagen bleibt angesichts Elsners Der öffentliche Schlaf, das die rudimentäre Behausung eines Obdachlosen zeigt oder Wittwers Doppelportrait. Wer dies nicht sehen will, der halte es mit Matthias Claudius und »lege sich in Gottes Namen nieder«. Allen anderen sei der Besuch dieser inspirierenden Doppelausstellung angeraten. Und versäumen Sie nicht die nächste Tagnachtgleiche am 23. September 2018!

Text: Frank Schmidt, Direktor Museen Böttcherstraße, Bremen