Maßnahmen

Luca Andrea Degunda
Karin Hueber
Anna Ling
Johanna von Monkiewitsch
David Semper
Matthias Wollgast

Hg. von Gisela Clement und Michael Schneider
36 S. mit 47 Abb.
21 x 29 cm, broschiert

2012 Weidle Verlag
978-3-938803-43-1
EUR 16.-
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Maßnahmen ergreifen

Die Ausstellung „Maßnahmen“ führt sechs Künstler/-innen zusammen, die bisher nicht gemeinsam ausgestellt haben, ja, die zuvor voneinander noch gar nicht Kenntnis hatten.

Uns ist zuerst die schwedische Künstlerin Anna Ling begegnet. Eine Serie von Tuschezeichnungen unter dem Titel „Grey Navigation“ wurde bereits 2007 im Bonner Kunstverein gezeigt. Die auf den ersten Blick monochrom erscheinenden, schwarzen Zeichnungen beschreiben aus kindlicher Perspektive einen Rundgang durch das elterliche Haus … eindrucksvoll und unvergessen. Auch in ihren weiteren Serien spielt die Künstlerin mit einer Bildwirkung, die wechseln kann zwischen fein beobachteten und deutlich nachvollziehbaren Bezügen zur realen Welt sowie freier Abstraktion. Dies gilt insbesondere für ihre Zeichnungen in unserer Ausstellung.

Ebenso eindrucksvoll und unvergessen die Begegnung mit David Semper anläßlich seiner Nominierung für den Freiburger Akademiepreis. Damals haben seine plastischen Werke aus Graphit, die an der Wand installiert waren, unmittelbar überzeugt. Semper beschäftigt sich mit dem Austausch von Materialien. Er setzt die Ästhetik armer Materialien in ein Verhältnis zu edlen Werkstoffen und das auch in konkreter räumlicher Anwendung. In unserer Ausstellung ersetzt er Profanes, z.B. einen Ausschnitt des Wandverputzes, durch transluziden Alabaster. Sehr präzise überträgt er dabei die Maße des Vorgefundenen, um eine nahtlose Einbettung zu erreichen. Die Differenz ist auf den ersten Blick nicht groß, das Ergebnis nicht spektakulär. Auf den zweiten, genaueren Blick erkennt man die tonale Verschiebung, die veränderte Materialität.

Die Informationsmappe von Johanna von Monkiewitsch lag schon seit den ersten Tagen nach der Galeriegründung auf unserem Schreibtisch. Sie stellt uns unter anderem gefalzte Papiere, deren Schattenwurf zunächst überzeichnet und unerklärlich wirkt, vor. Licht und Schatten in ihren gestalterischen Qualitäten reizen die Künstlerin zu unterschiedlichen medialen Äußerungen. Als Bildhauerin findet sie mit den Mitteln der Fotografie und des Films bzw. der Projektion unerwartete Ergebnisse. Ihre Papierobjekte sind Prüfsteine für die Wahrnehmung, Die Trennung zwischen den dimensionalen Ebenen fällt dem Auge nicht leicht. Illusion und Irritation liegen dicht beisammen.

An der Grenze von Fotografie, Fotogramm, animiertem Objekt bzw. virtueller Wirklichkeit/Bildillusion arbeitet Matthias Wollgast, der zeitweise in Bonn gelebt hat. Seine Werke waren uns 2011 beim Rundgang an der Kunstakademie Düsseldorf aufgefallen. In Heften und Büchern mit Kleinauflagen hat er seinen Ansatz auch theoretisch dargestellt. Die Illusion dreidimensionaler Gegenstände wird durch zugeschnittene, unterschiedlich transparente Folien, die auf Fotopapier aufgelegt und belichtet werden, nachgebaut. Figuren im schwarzen Nichts, schwebende Objekte im Vakuum sind die Ergebnisse. Man sieht ihnen an, daß etwas nicht stimmt. Sein manueller Herstellungsprozeß eines heute sonst eher computergenerierten Scheins hinterläßt Spuren und bricht die Perfektion. Dies ist ein Ansatz, den Matthias Wollgast auch in seiner Malerei bewußt transportiert. Auf Holzkörpern und Metallplatten, die immer auch etwas Rohes und Verstörendes haben, nimmt er technoid und kraftvoll Maß, um unsere eingespielten Sehmechanismen auszuhebeln.

Im Frühjahr 2011 sahen wir in der Schweiz zufällig einige Arbeiten von Luca Degunda im Atelier Beat Zoderers, dem er seit Jahren assistiert. Die Eleganz der sich überlagernden Malerei, die die Illusion von aufgelegten, sich kreuzenden Kunststoffbahnen erzeugt, sprach uns unmittelbar an. Präzise wie Maßwerk laufen Lasuren strahlenartig über den einfarbigen Fond, brechen, wechseln die Richtung, bündeln sich und entfalten an den Partien ihrer Überlagerungen eine besondere Wirkung – Knotenpunkte in der Malerei. Ein Besuch in Zürich offenbarte weitere Aspekte seines Schaffens: eine starke Affinität zur Zeichnung und die intensive Auseinandersetzung mit Sprache, die auch in den Werktiteln anklingt.

Karin Hueber besetzt den Raum, zu dem sie Ableitungen und Assoziationen gebildet hat, die häufig mit dem Verhältnis zwischen Mensch und umgebendem Raum zu tun haben. Die Baslerin, die in Rotterdam lebt, hat uns über den Umweg einer Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein in ihren Bann gezogen. Dort realisierte sie eine großflächige Installation. Ein Papier im Flächenmaß des Ausstellungsraumes wurde von ihr zur kleinstmöglichen menschlichen Behausung gefaltet, wieder ausgebreitet und in diagonaler Anordnung des Papieres hoch an einer Wand befestigt. Bei uns in Bonn zeigt sie eine Gruppe von Abformungen kleinster Architekturelemente, die schnell Übersehenes in der Negativform sichtbar machen. Egal ob Werke kleiner oder großer Dimension, Karin Hueber bleibt maßvoll.

So soll die Ausstellung auch unsere Maßnahme, unser Statement, sein für sechs Positionen, die mit unterschiedlichen Werkansätzen wertvolle Denkanstöße liefern, bewußt machen was nur unbewußt wahrgenommen wird, sichtbar machen, was unscheinbar ist. Dafür danken wir Luca Degunda, Karin Hueber, Anna Ling, Johanna von Monkiewitsch, David Semper und Matthias Wollgast.