GALERIEHAUS

Einen Platz der Stadt! Eine Wohnung der Kunst!

Galerie- und Atelierhaus, Bonn 2009-2015.

Erläuterungen von Uwe Schröder

Letztendlich sind es Ort und Aufgabe, die das Bauen als zweckhaftes Räumen der Architektur veranlassen. Zum einen stellt sich die Frage nach dem Ort, nach der baulichen Bewältigung der gegebenen räumlichen Situation, und zum anderen stellt sich die Frage nach der Aufgabe, nach dem Anordnen und Errichten der gebrauchten Räume. Beide Fragen gehen auf Anliegen zurück, die sich von verschiedener Seite her an den Entwurf der Architektur richten. Zwei Fragen, auf welche die Architektur in theoretischer Tradition mit einer Bestimmung der sie mutmaßlich selbst bestimmenden „Elemente“ antwortet: „Topos“ und „Typus“.

Unter „Topos“ ist der Ort als Ort-Raum zu verstehen, besser als die Räumlichkeit des Ortes, die natürliche, künstliche, zeitliche (geschichtliche) und gesellschaftlich-kulturelle Verfasstheiten einbezieht. Demnach wirkt sich der „Topos“ differenzierend auf den Entwurf der Architektur aus. Mit „Typus“ ist der Prägestock der Räume gemeint, der sich erst mittels eines raum-zeitlich gebundenen, wiederholenden Wohnens herausbildet und sich in charakteristischen äußeren und inneren Formen ausdrückt. Demnach besitzt der „Typus“ einen idealisierenden Einfluss auf den Entwurf der Architektur.

Was sich einfach anhört, erweist sich bei näherer Überlegung als schwierig. Die beiden bestimmenden Elemente stellen sich mit vertauschter Polarität vor. Denn während der „Topos“ ein individuelles Eingehen auf den Ort erfordert, um dem Allgemeinen, dem kollektiven, dem gesellschaftlichen Anliegen an Ort und Stelle Rechnung zu tragen, strebt der „Typus“ nach einer Verallgemeinerung des individuellen Anliegens: Der „Topos“ zielt auf eine „individuell gebundene Allgemeinheit“, der „Typus“ auf eine „allgemein gebundene Individualität“.

Die bestehende Räumlichkeit des Ortes, beispielshalber die, einer Straße, führt daher zu einer übergeordneten äußeren Bestimmung der Architektur, während das zweckhafte Anordnen und Errichten von Räumen an solchen Orten, beispielshalber mit dem Bau eines Hauses, ihre untergeordnete innere Bestimmung veranlasst.

In der Architektur sucht der Entwurf die räumliche Vermittlung zwischen beiden, dem Über- und Untergeordneten, dem Äußeren und Inneren, dem Allgemeinen und Besonderen, dem Gemeinschaftlichen und Individuellen – zwischen Stadt und Haus.

 Zwischen den Dörfern

Längst schon hat sich die Stadt ihre umliegenden Dörfer einverleibt. Wirklich städtisch sind diese „inneren Peripherien“ bis heute nicht geworden. Aus Dörfern wurden „Ortsteile“, die in der Nachkriegszeit mit Siedlungen lose vernäht wurden. Da wo es gelang, wie in der Reutersiedlung (1949–1952) von Max Taut, ist der ursprünglich ländliche Charakter des Ortes noch heute spürbar.

Am nördlichen Fuß der Hochebene des Venusberges zwischen den Ortsteilen Kessenich und Poppelsdorf markiert ein in den 1860er Jahren – damals noch außerhalb der Stadt – als Heilanstalt errichtetes Gebäude den Ort. Bestehende und neuhinzugekommene Gebäude ziehen ein Ensemble zusammen, das in seinem Inneren einen Platz ausweist. Über den steil ansteigenden Aufweg schließt der Platz an die abwärts gelegene Straße an. Alte und neue Gebäude nehmen Adresse und Orientierung auf. Mit dem Kiosk, mit der Laube und eingelassenen Bänken, mit Wand und Öffnung, mit Außen- und Eingangstreppen, mit der Loggia und dem Auf- und Abweg weist die Raumgestaltung auf die öffentliche Widmung hin. Als offene Terrasse versammelt der Platz Landschaft, als geschlossener Hof Stadt.

 An die Anderen

Die Architektur bindet Kunst ohne an sie gebunden zu sein, reziproke gilt Gleiches für die Kunst. Treten beide mit gegenseitiger Bindung auf, entsteht im besten Fall eine Raumintensivierung, zu der die eine wie die andere – auf sich selbst gestellt – nicht in der Lage wäre.

Daher braucht sich die Architektur von Galerie und Atelier auch nicht zurückzunehmen, etwa um der Kunst den Vortritt oder gar das Feld zu überlassen, vielmehr hat sie ihre eigentliche Aufgabe, zweckhafte Räume anzuordnen und mittels Wänden zu errichten, voll und ganz anzunehmen. Dass sie dabei nicht nur die Begegnung mit Kunst, mit Architektur und Kunst, sondern vor allem auch die Begegnung mit „Anderen“ einräumt, entspricht jenem verallgemeinernden Anliegen, das sich immerfort vom Äußeren her wie aus dem Inneren heraus an das Entwerfen und den Entwurf der Architektur richtet. Jene „Anderen“ sind die Wohnenden und ihre Wohnung ist die Stadt, nicht nur die eigenen Zimmer und Wege, sondern auch die Plätze und die Straßen, nicht allein das eigene Haus, sondern gleichfalls der Bahnhof, das Rathaus, die Fabrik, die Kirche oder das Museum. Insofern stiftet die Architektur von Galerie und Atelier erweiternde „Innere Außenräume“ der Begegnung und greift dabei auf die überlieferte Typologie zurück. Mit Höfen und Atrien, mit Lauben und Loggien, schließen die Zimmer und Wege der Häuser an die Plätze und Straßen der Stadt an.

 Romantisieren

Das Entwerfen als Prozess und der Entwurf als idealistisches Projekt führen die scheinbar sich ausschließenden topologischen und typologischen Polaritäten räumlich und zeitlich zusammen. Nur so kann die Architektur dem Übergeordneten eine Bedeutung, dem Äußeren das Wesen des Inneren, dem Allgemeinen die Geltung des Besonderen, dem Gemeinschaftlichen den Wert des Individuellen, der Stadt das Ansehen des Hauses geben, nur so kann die Architektur ihrem eigentlichen Sinn entsprechen.

Projekt: Galerie- und Atelierhaus
Anmerkung/en: [Projekt: Entwurf, Modell, Ausführung]
Ort: Bonn
Jahr: 2009 – 2015

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